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Satire in der Kölner Großmoschee

Foto: WDR/Melanie Grande
Kabarettist Jürgen Becker und Ditib-Generalsekretär Bekir Alboga beim Baustellenrundgang. Foto: WDR/Melanie Grande

Kölner Stadt-Anzeiger | Von Helmut Frangenberg | 11.06.2015.

Kabarettist Jürgen Becker gastiert mit seiner Sendung „Baustelle Deutschland“ in der Kölner Moschee. Die Ditib hat lange gezögert, ob sie Satire in der Moschee zulassen sollte. Bei der Aufzeichnung durfte etwas Spott über die Dauerbaustelle nicht fehlen.

Man sei zu Gast in einem „tollen, modernen Gebäude“, freute sich Kabarettist Jürgen Becker, um dann zu fragen: „Und wann gibt es den passenden Islam dazu?“ Es hat gedauert, bis aus dem vagen Plan, „Kabarett am neuen Kölner Minarett“ möglich zu machen, Wirklichkeit wurde. Der Hausherr, die Türkisch-Islamische Union, Ditib, zierte sich. Als dann positive Signale kamen, habe man alles dran gesetzt, „es zu schaffen, bevor die Moschee wieder abgerissen wird“, so Becker vor der TV-Aufzeichnung am Mittwochabend. Ein bisschen Spott über die Dauerbaustelle für das Gotteshaus „im frischen Betongrau“ und AKW-Look durfte nicht fehlen.

Jürgen Becker gastierte mit seiner Sendung „Baustelle Deutschland“ in der neuen Ditib-Deutschlandzentrale an der Venloer Straße in Ehrenfeld und ein bunt gemischtes Publikum wartete gespannt darauf, was in diesem Rahmen der Fernsehaufzeichnung ging und was nicht.

Nicht jeder applaudiert

Eine Herausforderung für den herrlich bösen Thomas Reis, der noch nie viel Respekt vor religiösen Autoritäten gezeigt hat: Er verglich die „Fifa-Mafia“ mit dem organisierten Islam und ließ „Religions-Hooligans“ in einem irren Schlachtrufe-Duell zwischen Christen und Muslimen während eines Fußballspiels alle Vorurteile über den jeweils anderen herausbrüllen. „Was, wenn man sich vertan hat, und gar nicht zur wahren Religion gehört?“, fragte Becker. „Was macht ein katholischer Pfarrer, wenn ihm im Himmel auf einmal 72 Jungfrauen gegenüberstehen? So viele Haushälterinnen kann der gar nicht mit nach Hause nehmen.“ Da applaudierte nicht jeder im bunt gemischten Publikum. Wie weit darf Satire gehen? Da waren sich auch Beckers Talkgäste nicht ganz einig. Ditib-Generalsekretär Bekir Alboğa bat um Verständnis, dass sich fromme Menschen verletzt fühlen können, wenn ihre Religion beleidigt wird. Das sah der katholische Theologe Manfred Lütz ähnlich. Doch nach den Drohungen und Anschlägen der Vergangenheit könne er darüber nicht mehr unbefangen reden. Eine Beleidigung rechtfertige keine Todesdrohung.

Alboğa nutzte die Gelegenheit, verlorenes Vertrauen in seine Organisation zurückzugewinnen, indem er keiner Frage auswich. Ist der Islam eine rückständige Religion? In ihm stecke „immer eine modernisierende Kraft“, so Alboğa. Dass dies viele Muslime nicht wissen, liege daran, dass sie sich nicht gut über ihre Religion informieren.

Die weiblichen Gäste der Runde, WDR-Moderatorin Asli Sevindim und „Youtube“-Comedy-Star Idil Baydar machten mit klugen Beiträgen deutlich, dass manches, das heute unter der Überschrift „Integrationsprobleme“ verhandelt wird, mit der Realität wenig zu tun hat. „Wir sind viel weiter, als mancher tut“, so Sevindim. „Wir verlieren Jugendliche nur dann, wenn sie permanent abgewertet werden“, mahnte Baydar. „Unsere Gesellschaft konstruiert die Fremdheit.“ Was sie damit meint, spielt die Tochter türkischer Einwanderer, wenn sie in die Rolle ihrer Kunstfigur Jilet Ayse schlüpft. Einen Klasse-Auftritt zeigte auch Özgür Cebe, der unter anderem darüber philosophierte, ob man als Muslim Veganer sein kann. „Wer nimmt mich noch ernst, wenn ich eine Tomate schächte? Dann hat doch gar keiner mehr Angst vor mir.“