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War Hanns Dieter Hüsch wirklich Ihr Vorbild, Herr Becker?

Foto: Simin Kianmehr.
Foto: Simin Kianmehr.

02.12.2013 | WAZ.de | Von Markus Peters | Foto: Simin Kianmehr.

Am Niederrhein.Er ist einer der beliebtesten Kabarettisten in Deutschland: Jürgen Becker. Seit 30 Jahren spottet er sich durchs Rheinland und die Republik. Am 6. Dezember ist er in der Stadthalle in Kamp-Lintfort. Ein Gespräch über den Mann, der ihm einst Mut machte

Am Freitag wird er wieder zu hören, Punkt 10.40 Uhr, bei WDR 2 im Radio. So wie seit 1992 schon, zusammen mit seinem Freund und Kollegen Didi Jünemann. „Frühstückspause“ heißt der kabarettistisches Schnellhappen. Und abends wird er in der Stadthalle in Kamp-Lintfort auf der Bühne stehen und zum Schluss wie üblich ein kölsches Freibier mit seinem Publikum trinken: Jürgen Becker.

Am 6. Dezember kommt nicht nur der Nikolaus, auch der Jürgen Becker, und zwar nach Kamp-Lintfort – wie üblich mit dem Motorrad?

Eher nicht, weil es zeitlich wohl nicht passen wird.

Apropos Kamp-Lintfort: Was sagt Ihnen diese Stadt?

Ich war dort, als Nokia nach Rumänien weiterzog. Außerdem weiß ich, dass die Zeche dort stillgelegt wurde. (überlegt) Und ich erinnere mich an neues Einkaufszentrum, das dort gebaut wurde, mit einem Platz davor, der gerade neu gepflastert wurde, auf dem es ein rundes Café gibt.

Apropos Nikolaus: Schon mal etwas vom „Segen vom Kloster Kamp“ gehört?

Also, das Kloster kenne ich, weil mein Kollege Didi Jünemann da Theater spielt. Aber der Segen, der sagt mir nichts.

„Der Segen von Kloster Kamp“ kommt von dem Donnerwetter, das über die Pächter hereinbrach, wenn sie den Pachtzins schuldig blieben. Angeordnet von Papst Nikolaus IV., um säumige Zahler notfalls durch kirchliche Strafen zur Zahlung zu zwingen.

Aha. Nun, ich habe zwar Schulden, aber die sind regulär mit einem Dauerauftrag zu tilgen. Schulden sind heutzutage ja etwas Gutes.

Apropos 6. Dezember: Auf den Tag genau vor acht Jahren starb Hanns Dieter Hüsch.

Ich erinnere mich noch an seine Beerdigung, die ein Riesending war. Es waren so viele Leute dort, dass mein Kollege Norbert Alich und ich gar nicht mehr in die Kirche kamen, wir blieben dann einfach draußen vor der Türe stehen. Es war übrigens eine sehr heitere Veranstaltung, später am Grab haben wir viel gelacht – Hanns Dieter Hüsch hätte das sicher gut gefallen.

Stimmt eigentlich die Anekdote, dass sie 1985 nach einem Auftritt von Hüsch beschlossen haben, auch Kabarett zu machen?

Absolut.

Erzählen Sie doch bitte mal.

Ich habe mir sein Programm „Und sie bewegt mich doch“ fünf Mal angeschaut. Beim ersten Mal habe ich bezahlt, dann bin ich immer erst nach der Pause gekommen, weil ich mir als Student die Karte nicht leisten konnte. Ich hatte das mit dem Theater abgesprochen, ich saß immer hinten auf dem Mäuerchen und habe niemandem einen Platz weggenommen. Dann habe ich gesehen, dass man das Textheft kaufen konnte – das habe ich dann auch getan. Das war eine Kladde mit getippten DIN-A4-Blättern, in der tatsächlich alle Texte aus dem Programm standen. Während des Auftritts habe ich die Texte mitgelesen und war überrascht, dass er das alles so sagte, wie es dort stand, und dabei trotzdem so locker klang. Da sagte ich mir: Das probierst Du jetzt auch mal.

Und dann hat sich der kleine Becker vom großen Hüsch einen Rat geholt?

Ich habe ein paar Mal nach dem Auftritt mit ihm gesprochen. Er war sehr freundlich und das hat mir dann Mut gemacht. Er sagte, ihm sei wichtig, dass eine Veranstaltung für sein Publikum ein Erlebnis ist. Es müsse immer etwas hängen bleiben, darum hatte er ja auch immer literarische Texte dabei, die nachdenklich machten. Auch war ihm wichtig, dass er ein Clown sein dürfe, er wollte auch albern sein und sich nicht auf das anspruchsvolle, politische Kabarett begrenzen lassen. Und das kann ich gut verstehen! (lacht)

Hüsch ist also ihr Vorbild.

Vorbild wäre zu viel gesagt. In unserer Wohngemeinschaft hörten wir seine Platten und beömmelten uns. „Silberhochzeit bei Schlottmanns“ zum Beispiel, kennen Sie das? Großartig! Hüsch war für uns ein Star. Durch den persönlichen Kontakt wurde mir dann klar, dass er auch nur ein Mensch war, der einfach gut arbeiten und sein Handwerk beherrschen will. Durch ihn bekam für mich der Beruf des Kabarettisten ein Bild.

Sie sind 1959 geboren, also eher ein Achtundsiebziger – und haben mit Hüsch keinerlei Probleme. Die Achtundsechziger hingegen haben Hüsch von der Bühne verjagt, für sie war er bloß ein Erzählonkel und viel zu unpolitisch.

Für uns waren die Achtundsechziger zum Teil viel zu dogmatisch, sie hatten ja ein sehr enges Bild von dem, wie etwas sein soll. Was Hüsch gemacht hat, war für uns damals so etwas wie Comedy heute ist. Hüsch war zwar kein Comedian im heutigen Sinne, aber er nahm für sich das Recht auf Albernheit in Anspruch – und das haben wir uns gerne von ihm abgeguckt.

Dieter Moor, der sich ja nun Max Moor nennt, hat mal den Satz gesagt: „Kabarett ohne den Einfluss von Hüsch? Unvorstellbar!“ Hat der Mann recht?

Auf jeden Fall hat Hüsch dem Kabarett eine andere Farbe gegeben. Früher fand ich Kabarett ja doof. Meine Eltern haben immer „Schimpf vor 12“ von der Lach- und Schießgesellschaft geguckt: Das waren Männer in Anzügen, die komische Lieder sangen, das gefiel mir überhaupt nicht. Gut fand ich Wolfgang Neuss, weil er so anarchistisch war, und „Die 3 Tornados“, die unsere Szene sehr aufs Korn nahmen. Und später kam dann Hüsch, der das Spektrum des Kabaretts erweiterte, weil er das Literarische, Nachdenkliche und Alberne mit hineinbrachte.

Hüsch sagte mal in einem Interview, dass er auch wegen der ganzen Comedy-Szene von der Bühne abtrat.

Ach ja, ich sehe das Verhältnis von Kabarett und Comedy entspannt. Früher mochte ich Otto Waalkes sehr. Heute würde man ihn unter Comedy abspeichern, damals aber schrieb auch jemand wie Robert Gernhardt Witze für ihn. Comedy muss ja nicht schlecht sein und kann Qualität haben. Und da ich von Otto zum Kabarett gefunden habe, kann man sogar behaupten, Comedy ist eine Einstiegsdroge.

Quelle: WAZ.de

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