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Liebe Kabarett­freunde!


14.12.2014 – Kabarettist Becker sagte bei der Schlusskundgebung der Kölner Protestaktion gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, zu der, unter anderen, die AG Arsch Huh nach den Krawallen von Hooligans und Rechtextremisten im Oktober diesen Jahres aufgerufen hatte:

Wer ist Schuld an diesen Irritationen: Besoffene Dumpfbacken, die scheiße angezogen sind, laufen zu tausenden durch die Stadt und singen hirnlose Texte. Seit wann heißt das “Hooligan-Demo”? Das hieß doch immer “Straßenkarneval”. Aber was da für Typen rumliefen und brüllten: “Deutschland den Deutschen!”

Ja, bei den meisten da dachte man doch: Kann sein, dass alle Ahnen von denen deutsch waren; aber die meisten hatten garantiert mehr als zwei Beine, und es gab ja sogar im Internet Anfragen an die Organisatoren: “Bei unseren Hooligans sind auch Ausländer dabei. Dürfen die auch mitmachen?” – “Ja natürlich.” Der neue Rassismus ist grenzenlos: der Ausländer wird akzeptiert, wenn er gegen Ausländer ist. Deshalb hat man sich als neues Feindbild geschickt die Islamisten und Salafisten ausgesucht. Ich bin auch gegen Islamisten und manche Salafisten, aber nicht wenige Hools kommen ja aus der Fußballszene, und ich habe mich im Bahnhof mit denen unterhalten; die hatten von Salafisten überhaupt keine Ahnung. Als die gehört haben “Es geht gegen die Salafisten” haben sich die mich gefragt: “In welcher Liga spielen die denn?” So viel Doofheit wie damals auf dem Breslauer Platz finden sie in keinem Tierpark.

Das ist das schöne an Köln: Hier verteilt sich die Doofheit, aber konzentriert sich dann hin und wieder – zum Beispiel auf dem Facebook-Account von Brings und Kasalla, die mit einem Shitstorm von Rechts angepöbelt werden, weil sie für Ausländer und gegen Rechts sind – und zwar so, dass Sie ihre Internetplattform schließen mussten.

Das tut mir für Euch außerordentlich leid und es zeigt natürlich, dass der Rassismus in der vermeintlichen Mitte der Stadt angekommen ist; aber dann können wir uns doch hier auch mal fragen, wie das denn kommt, dass Menschen mit solchen Ressentiments sich gerade an euch abarbeiten.

Kann es nicht auch sein, dass eure politische Meinung so wenig mit dem zu tun hat, was ihr singt? Könnte es vielleicht sein, dass die Lobeshymnen op Kölle, du ming Stadt am Ring denen so munden, die Kölle über alles lieben, weil sie Deutschland, Deutschland über alles nicht mehr singen dürfen?

Wer zum Beispiel mal in den Kölnladen auf der Venloer in Ehrenfeld gerät, der fühlt sich wie im Fanshop der NPD: T-Shirts mit Kölsch Bloot! In Frakturschrift. “Jebore in de Stroße vun Kölle.”

Und wenn ich im Karneval höre: “Wenn och nur e Dröpche vum Kölsche Bloot, weet et wigger jonn, wenn mir zesamme stonn, wet uns Kölle nit unger jonn.”

Und der ganze Gürzenich schunkelt mit, die Reihen fest geschlossen. Die Blut und Ehre Ideologie düsterer Zeiten, heruntergebrochen op Kölle am Ring. Machen wir uns nichts vor: Kölschtümelei hat eine offene Flanke zum rechten Rand! Ich habe nichts dagegen, ihr kölschen Bands, dass ihr Köln schön findet, aber mulmig wird mir, wenn ihr Köln schönfärbt.

Und das war ja nicht immer so. “Mer losse dr Dom in Kölle” und “Uns Veedel” war Kritik an der Stadtsanierung, an der Spaltung der Stadt: “An dr Stadtrand kritt und keine Düvel hin”.

“Kristallnaach” und “Nit für Kooche” brauch ich hier gar nicht zu erwähnen.

Und sogar bei den Höhnern fand man früher mal Kritik, zum Beispiel an der Situation der Migranten: “Wann jeiht für mich der Himmel wieder op?”

Trude Herr sang: “Vill is mieß, un dat bin ich satt / Ich messe nur die Lück us dr Stadt. / Klüngel is e krank Sediment / Wer drüfer laach, die Stadt nit kennt.”

Kölle es eben nit e Jeföhl un supertollerant und nemp jeden an de Hand. Macht Köln nicht. Hier gibt es genauso so viel rechte Säcke, Neonazis und Ausländerfeinde wie in jeder anderen Großstadt Deutschlands. Hier gibt es genau so viel Intoleranz. Hier fehlt vielleicht nur der Mut, das auch zuzugeben. Weil man sich gern besser fühlt in der kleinen Kölner Phantasiewelt. In der Welt, wo alle Fründe zusammestonn, der ahle Mann metdrenke kann und alle Kölsch sprechen.

Was soll das überhaupt?

Nehmt das Motto dieser Veranstaltung: “Du bes Kölle, kin Nazis op unser Plätz!”

Das ist doch rückwärtsgewandter Mumpitz. So redet doch keiner. Geht mal auf den Weihnachtsmarkt und sagt das; dann sagen die: “Häh? Keine Plätzchen für unsere Nazis?

Wie soll das ein Ausländer verstehen, der hier ankommt?” Demnächst fordert die CSU: “Kölsche Bands sollen zu Hause Deutsch sprechen!”

Oder Türkisch oder Italienisch, jedenfalls ne Sprache, die man kann. Kölsch können aber die meisten hier nicht. Und das ist auch überhaupt nicht schlimm.

Denn die, die kein Kölsch können sind die wahren Kölner. Die Zugezogenen, die Imis, die kinn kölsch Bloot han. Denn die sind nicht einfach nur hier hängen geblieben, wie ich, die haben sich bewusst für diese Stadt entschieden. Dieses Biotop für Bekloppte, das seine Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt mit dem Bimmelbähnchen vom Schokomuseum in den Sand setzt. Hüsjer, Sträßjer, Jässjer. Mer han der Dom dr Ring un im kölsche Hätze Sonnesching. Und so ist auch der Soundtrack der meisten kölschen Lieder: mer sinn wie mer sinn, un so wie mer sinn simmer perfekt.

Aber ich bitte Euch, ihr rheinischen Stimmungskappellen, singt weiter. Denn es hat ja auch einen Vorteil – jetzt sing ich auch mal ein Lied:

“Wemmer sich Kölle schön sink / do bruch mer et sich nie mie schön zo saufe. / Denn die Lieder kann ömmesens / Downloade, Bier muss mer koufe.”

Ich muss das so schief singen, damit keine GEMA-Gebühren anfallen.

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